ngo chulze

Der Autor des Buches, welchem diese Seiten gewidmet sein sollen, erblickte am 15.12.1962 in Dresden als Sohn der Ärztin Dr. Christa Schulze und des als Physiker tätigen Prof. Dr. Werner Schulze das Licht der Welt. Da er keine älteren Geschwister hatte und sich seine Eltern schon ein Jahr nach seiner Geburt wieder scheiden ließen, wuchs er als Einzelkind bei seiner somit alleinerziehenden Mutter in seiner Heimatstadt auf.

Seine ersten Impulse zum Schreiben hatte er als Teenager zwischen 13 und 15 Jahren. Zu der Zeit verspürte er ein relativ starkes Bedürfnis seine Gedanken schriftlich zu formulieren, was er dann auch in diesen ersten "gedichtartigen Gebilden" zu seiner eigenen Zufriedenheit tat. Die folgenden 3 Jahre verfasste er relativ viel, wobei aber seinerseits nie wirklich das dringende Bedürfnis bestand, diese frühen Werke zu veröffentlichen.

Nach dem Abitur war Schulze dann vom 19. bis zum 20. Lebensjahr gezwungenermaßen zum Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee nach Oranienburg einberufen worden, wo aus jenen 18, für ihn nicht sehr angenehmen Monaten die "erste ernstzunehemende Erzählung" entstand.

Nach seiner Wehrdienstzeit, die sehr ungewiss verlaufen war, da sie genau in die Zeit der Polenkrise fiel, begann er dann klassische Philologie (Latein u. Griechisch), kombiniert mit etwas Germanistik und Kunstgeschichte in Jena zu studieren. In dieser Zeit, von 1983-1988, fand er kaum Zeit und Muße zum Schreiben, was noch die nächsten vier Jahre so bleiben sollte und ihm auch nicht weiter zu schaffen machte, da er der Ansicht war, daß die "DDR einfach nicht literarisierbar wäre". So bewarb er sich erst einmal als Dramaturg bei mehreren Theatern im Land und wurde dann schließlich in der Kleinstadt Altenburg, in der östlichen Provinz, am dortigen Landestheater (3 Sparten) angenommen. Dort brachte er sowohl kleine Märchenstücke als auch einige Komödien, wie z.b."Das Fräulein Julia", voran, die Schulze besonders vereinnahmten.. Aber auch ernstere Werke, wie "Die Richtstadt" wurden an seiner eineinhalbjährigen Wirkungsstätte nicht ausgelassen.

Dadurch, daß die Meinung und Wahrheit in der DDR durch Fernsehen und Radio oft zugunsten des Sozialismus verdreht wurde, bot das Landestheater, wie alle kleineren Theater, zudem Diskussionsraum für Künstler und Intellektuelle, und erlangte damit den Status eines sehr realitätsnahen Informationsmediums, welches dann später auch durch die am Berliner Alexanderplatz von Kirche und eben demTheater organisierten Demonstrationen immer größere Popularität erlangte.

Schulze fühlte sich wohl in Altenburg und trug sich nie wirklich ernsthaft mit dem Gedanken in den Westen zu fliehen, obwohl einige seiner Freunde auch plötzlich spurlos verschwanden und er dem nicht ewig hätte zusehen wollen. Dennoch waren laut Schulze die Konditionen für Künstler und Intellektuelle in den 80er Jahren nicht die schlechtesten in der DDR, da man ständig Beachtung für das fand, was man tat.

Im Wende-Herbst des Jahres 1989 packte Schulze dann aber doch der Durst nach etwas Neuem, und er verließ das Theater, um das auf Anzeigen basierende "Altenburger Wochenblatt" zu gründen.Zu dieser Zeit verschwendete er kaum einen Gedanken ans eigentlich so geliebte Schreiben, da er beruflich so stark eingebunden und die Wende in vollem Gange war, so daß er schlichtweg keine Zeit dafür fand.

Diese Zeitung mauserte sich binnen kürzester Zeit zu einem recht erfolgreichen und ertragreichen Unternehmen, welches Schulze dann 1993 dennoch verließ, um für ein halbes Jahr nach St. Petersburg zu gehen und dort Hilfestellung für den Aufbau eines ähnlichen Blattes zu leisten.

Nachdem er aus Rußland zurückgekehrt war, das vereinigte Deutschland ging schon auf seinen vierten Geburtstag zu, überkam ihn aber doch wieder die Lust am Literarisieren von Erlebtem.

Dies war dadurch begründet, daß er während seiner Zeit in St. Petersburg genügend Eindrücke und Notizen gesammelt hatte, um mit diesem Stoff ein Buch zu füllen, welches diesmal der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden sollte. So zog er als freier Schriftsteller nach Berlin, um dort die 33 Augenblicke des Glücks zu verfassen, welches 1995 veröffentlicht wurde. Noch im gleichen Jahr erhielt Ingo Schulze den Förderpreis des Alfred-Döblin-Wettbewerbs, den Ernst-Willner-Preis des Ingeborg- Bachmann-Wettbewerbs, sowie den "aspekte"- Literaturpreis für sein Erstlingswerk.

Von Berlin aus, wo er auch heute noch lebt, ging er 1996 ,wiederum nur für ein halbes Jahr und gefördert durch ein Arbeitsstipendium der "Stiftung Kulturfonds e.V." nach New York. Dort quartierte er sich vorerst in einem Hinterhofquartier auf der Lower Eastside ein, wessen Atmosphäre durch den dortigen Hauptbevölkerungsteil, bestehend aus russischen und ukrainischen Emigranten, geprägt wurde.

Nach einigen Wochen vollzog Schulze dann einen Tapetenwechsel und nahm sich ein Appartement auf der Upper Westside, was es ihm wesentlich erleichterte, Leute seinesgleichen zu finden, da dieses auch als ein Viertel der etablierten Künstler und Intellektuellen gilt und er sich so auf Anhieb wohlfühlte.

Während der New Yorker ein Jahr später drei Erzählungen aus Schulzes erstem Roman druckte, machte er sich schon während seines Aufenthaltes in NYC an den Nachfolger zu 33 Augenblicke des Glücks. Jenes setzte sich noch im wesentlichen aus dreiunddreißig Erzählungen zusammen, die sich in St.Petersburg oder der näheren Umgebung abspielen und letztlich die heutige russische Seele mit all ihren positiven und negativen Eigenschaften wiederspiegeln und aus Aufzeichnungen eines Literaturliebhabers und eines deutschen Zeitungsangestellten entstanden sind.

Sein zweiter Roman Simple Storys ist ebenfalls in auf den ersten Blick voneinander unabhängige Episoden aufgeteilt. Der Handlungsverlauf ist also keineswegs linear.Dennoch fügen sich die Abschnitte und Charaktere schließlich zu einem großen Geflecht von Handlungssträngen zusammen.

"Man kann nur über das schreiben, was man kennt." Diese Devise und die in kürzester Zeit völlig neuen gesellschaftlichen Verhältnisse in seiner Heimat, den nunmehr neuen Bundesländern, sind die Hauptmotivation für Ingo Schulze gewesen, im sechsten Jahr der Einheit Eindrücke aus der ostdeutschen Provinz, am Beispiele seines frühereren Wirkungsortes Altenburg, zu vermitteln.

Und die Rechnung ging mehr als auf. Die Schilderungen des Verhaltens der Leute im Bezug auf das neue System fanden regen Anklang unter der Leserschaft. Schulze selbst hatte nicht mit dem enormen Erfolg der Storys gerechnet, da erste Äußerungen aus dem engeren Freundeskreis nicht immer unbedingt nur positiv ausgefallen waren und er mit einem etwa gleichwertigen Anklang wie ihn das erste Buch fand, schon mehr als zufrieden gewesen wäre. Doch es kam anders und Schulze heimste 1998 schon einige Monate nach der Veröffentlichung den bis dato für ihn wichtigsten Preis ein: den Berliner Literaturpreis, welcher nur alle zwei Jahre vergeben wird. Von April bis August 1998 standen die Simplen Storys auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und im April des gleichen Jahres erreichten sie ausserdem Platz 1 der SWR-Bestenliste.

Ingo Schulze kann seit dem Erfolg seines ersten Buches nach eigenen Angaben sehr gut von seiner Schriftstellertätigkeit leben. Die letzten eineinhalb Jahre (98/99) verbrachte er hauptsächlich mit Lesungsreisen durch ganz Deutschland, was ihm auf der einen Seite sehr viel Spaß gemacht hat, andererseits aber auch anstrengend ist, wenn man nur wenig Zeit hat, sich um Freunde zu kümmern, oder sich einfach mal zu Hause auszuruhen.

Momentan arbeitet er an einer Novelle mit dem Titel Titus Türmer, mit der er schon 1998 begonnen hat und im Juni des selben Jahres für einen Auszug aus diesem Manuskript die Johannes-Bobrowski-Medaille erhielt.

Auch in seinem neuen Buch wird der Schauplatz Ostdeutschland sein, nur dieses Mal vor dem Mauerfall. Die Hauptperson, ein pubertierender Junge im Dresden der siebziger Jahre, wird voraussichtlich einen größeren autobiographischen Bezug zu Schulze selbst haben, als all die anderen Charaktere in den ersten beiden Büchern.

Worauf man früher oder später mit Sicherheit gespannt sein darf, ist die literarische Aufarbeitung von Schulzes‘ Armeezeit. Das Vorhaben, diesen Lebensabschnitt in einem Buch zu verarbeiten trägt er schon seit der Entlassung aus der NVA mit sich herum, jedoch kamen immer wieder andere und sicher dringendere Einfälle dazwischen. Es bleibt also ungewiss, ob dieses Kapitel seines Lebenslaufs schon über Umwege im dritten, oder dann doch ausführlicher im vierten Buch erscheint.

[ Quelle ]


 Clemens Hrach '99